21 Maggio 2002

Doping aus der Mini-Bar

Doping aus der Mini-Bar

Garzelli positiv getestet: Italiens Radsportfans haben nach dem neuen
Giro- Skandal keine Illusionen mehr

Orvieto ? Auf diesen Tag hatte Massimo Laudi lange gewartet: der Giro d?Italia in Orvieto, nur 40 Kilometer von seinem Heimatdorf Penna in Teverina entfernt. ?Alle Radfahrer aus Umbrien wollen dahin?, sagt Laudi. Er selbst hat seine Tankstelle an diesem Montag geschlossen, das bunte Fahrertrikot angezogen und die Reifen an seinem Rennrad hart gepumpt. Laudi, der sich beruflich um Autos kümmert, den lieben langen Tag mit dem Benzinschlauch hantiert und den Ölstand misst, ist Vorsitzender des örtlichen Radsportvereins Associazione Bici Penna. Solche Klubs gibt es überall in Mittelitalien, denn der Radsport ist in Umbrien, der Toskana und den Marken wichtigster Volkssport geblieben. In Penna, einem winzigen Ort, hat die Associazione 24 Mitglieder. Im August veranstalten sie den Giro di Penna, 28 Runden ums Dorf. Letztes Jahr hat Laudi gewonnen, wie die Jahre zuvor, mit 31 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit.

Nach Orvieto, das ist ein Spaziergang, sagt der drahtige 40-Jährige. Aber er fällt ihm schwer. ?Am Samstag war meine erste Reaktion: Da fahre ich nicht hin. Es reicht. Nie wieder Giro.? Samstag war der bisherige Spitzenreiter Stefano Garzelli positiv getestet worden, er hatte ein harntreibendes Mittel eingenommen. Wenn aber ausgerechnet Radfahrer viel pinkeln wollen, ist klar, dass sie auf diese Weise schnellstmöglich verbotene Substanzen loszuwerden hoffen. Garzelli zelebrierte mit ziemlicher Selbstbeherrschung einen der üblichen Auftritte für die Ertappten, beteuerte seine Unschuld, sagte, ?ich wäre ja ein Idiot, ach was, ein Arschloch, wenn ich meine Karriere auf diese Weise riskieren würde?. Für Dienstag werden die Ergebnisse der B-Probe erwartet. Falls die auch positiv wären, werde er sich zurückziehen, hat Garzelli vorsorglich angekündigt. ?Vom Giro, vielleicht auch vom Radsport, eventuell aber nur für ein, zwei Jahre.?


Abbruch gefordert

Als der Fall Garzelli ruchbar wurde, ging der mächtige italienische Verbraucherschutzverband Codacons auf die Barrikaden. Das Rennen müsse sofort abgebrochen werden, forderten die Verbraucherschützer und wandten sich Hilfe suchend an den Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello, der durch seine Ermittlungen über Doping im Radsport und im Fußball berühmt geworden ist. Noch hat Guariniello keine Unterbrechung für den Giro beantragt, aber das ist auch nicht nötig. Die mythische Italienrundfahrt, das bedeutendste Radsportspektakel der Welt nach der Tour de France, ist ohnehin am Ende.

Garzelli, der Giro-Sieger von 2000, der innerhalb einer Woche von den Gazetten zum neuen Radsportidol hochgejubelt und dann als Hochverräter verdammt wurde, ist nur der prominenteste Sündenfall. Am Vorabend seines Dopingskandals aber war erstmals in der Geschichte des Giro ein Fahrer verhaftet worden.
Nicola Chesini, der Letzte der Gesamtwertung, wurde von der Finanzpolizei abgeführt ? wegen Verdachts auf ?Verbreitung und Verkauf verbotener Substanzen?.
Chesinis Teamgefährten bei Panaria, Antonio Varriale, hatte es kurz zuvor erwischt. Und Varriale, einer jener Wasserträger, die noch nie in der Karriere irgend etwas gewonnen haben, packte aus. ?Ohne Doping schaffst du nichts?, sagte er den Staatsanwälten in Brescia. ?Das Zeug verleiht uns unglaubliche Kräfte. Letztes Jahr, in Spanien, hatten wir das Gefühl, auf einem Motorrad zu sitzen.? Varriale beschrieb, wie innerhalb der Rennteams die ?Arbeiter? ihre Stars mit Dopingmitteln versorgen und resümierte: ?Wir sind die Sündenböcke, aber die wirklich großen Sünder sitzen jetzt beim Giro noch auf ihrem Rad.?

Und zittern, vermutlich ? wenn sie nicht inzwischen unter dem Realitätsverlust ?wie andere Drogenabhängige auch? leiden, wie der Schriftsteller Michele Serra in der Repubblica vermutete. Und wie andere Drogenabhängige auch besorgen sie sich das Zeug auf Wegen, die man vom organisierten Verbrechen kennt. Bei Varriale und Co. war ein mittlerweile vom Dienst suspendierter Polizist im Spiel, außerdem eine Kellnerin. Die Signora hatte in ihrer Garage am Gardasee einen Kühlschrank aufgestellt, eine Art Minibar wie in dem Hotel, in dem die Frau arbeitet. ?Dahin fuhren wir einmal im Monat und holten uns unsere Dosis ab?, gestand Varriale.

Jetzt reden wieder alle davon, den Giro zu säubern, indem man ihn befreit von den schmutzigen Elementen. Aber die große Sünde hat das Rennen, das doch diesmal wohlweislich im Ausland startete, noch vor den Landesgrenzen eingeholt und dominiert das Geschehen. Der wackere Jens Heppner, nach 21 Jahren erster Deutscher im Rosa Trikot, geht unter in der Dopinglawine, der die veranstaltende Gazzetta dello Sport in ihrer Sonntagsausgabe volle sieben Seiten widmete. Für Heppner blieben 32 Zeilen.


Heppner in Rosa

?Dabei kann man nicht sagen, dass ich nur wegen Garzellis Dopingskandal das Rosa Trikot trage?, sagte der Thüringer, der sich auch am zweiten Tag noch so freute, dass er den Hostessen auf dem Podium eine Champagnerdusche verpasste. ?Mit 35 ist unsere Karriere noch nicht beendet, dafür bin ich der beste Beweis.? Heppner wird im Dezember 38, und war vor der längsten Etappe nach Orvieto (237 km; Sieger: Aitor Gonzalez aus Spanien) optimistisch, das Hemd des Leaders bis Mittwoch zu halten: ?Das ist der schönste Moment in meiner Karriere.?

Um Heppner zu sehen, ist Massimo Laudi nach Orvieto gefahren. ?Wir dürfen uns den Giro nicht kaputt machen lassen?, sagt er, und schiebt entschlossen die Sonnenbrille hoch.
Auch das Publikum, meint der Amateur, trage seinen Teil der Verantwortung: ?Wir Zuschauer wollen immer mehr Spektakel, immer bessere Leistungen.? Der Doping verseuchte Giro kann sich über Zuschauermangel nicht beklagen. Die Sonntagsetappe etwa hatte mit einer Quote von 30 Prozent so viel Publikum wie der Test der Nationalelf gegen Tschechien.

Der Boden des Sumpfes aber werde auch in diesen Tagen nicht sichtbar, klagt Laudi. ?Am schlimmsten ist doch, dass sich bei uns schon die Amateure dopen.? Er erzählt von den jungen Fahrern im benachbarten Radklub, deren Eltern von Vertretern namhafter Profi-Teams kontaktiert wurden. ?Ihr Junge muss aber etwas einnehmen, sonst kann er seine Leistung nicht mehr steigern?, erklärten die den fassungslosen Erziehungsberechtigten.
So mancher junger Mann erliege der Versuchung, berichtet Massimo Laudi. ?Aber die Kontrollen sind schärfer geworden. Überall hier in Umbrien werden die Amateurvereine gefilzt.?

Was den Giro angeht, hat Laudi keine Illusionen mehr. Einst fuhr er bei eisigen drei Grad mit seinem Rad auf den Gran Sasso, um Marco Pantani zu sehen. Vorbei, vergessen. ?Jetzt geht es nicht mehr nur um den Giro, man muss den gesamten Radsport stoppen?, erklärte der 32-jährige Italiener. ?Der Radsport war nie sauber und wird es nie sein.? Pantani selbst fährt in diesem Jahr den Spitzenreitern auf Platz 54 hinterher. ?Ich bin alt geworden?, sagt er. Massimo Laudi weiß es besser: ?Der dopt sich einfach nicht mehr.? Birgit Schönau

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