30 Novembre 2021

Das hässliche Gesicht des »Stile Juve«

Eigentlich sollte in der Saison eins nach Cristiano Ronaldo alles besser werden bei Juventus Turin. Aus der Mannschaft wurde eine in der Presse schon länger gepflegte Theorie abgesegnet, wonach der fünfmalige Weltfußballer aus Portugal trotz seiner vielen Tore eigentlich nur ein Klotz am Bein war.
»Wir spielen wieder mehr als Team, in der jüngsten Vergangenheit hatten wir dieses Juve-Merkmal verloren«, sinnierte etwa noch vor einem guten Monat der Abwehrhaudegen Leonardo Bonucci. »Die erneuerte Demut wird uns zurück auf die Siegerstraße bringen.«
Der berühmte »Stile Juve«: Fleiß, Seriosität, Geschlossenheit. Die Werte der Industriestadt Turin, des Fiat-Werks und der alten Agnellis. Sie haben Juventus groß gemacht, ihr Einhalten bedeutet Erfolg. So will es die Legende.
Die November-Wirklichkeit 2021 erzählt von Fußball aus der Steinzeit und, vor dem heutigen Auftritt beim Tabellenletzten Salernitana (20.45 Uhr/Stream: Dazn), einem siebten Tabellenplatz mit 14 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Napoli. Dazu erhebt sich jetzt auch noch das hässlichste Gesicht des Juve-Stils: Es soll mal wieder gemauschelt worden sein.
Untersuchungen der Finanzpolizei – auch gegen Klubikone Nedved
Am Freitag durchsuchte die Finanzpolizei Vereinsräume in Turin sowie Mailand und beschlagnahmte Dokumente. Der italienische Rekordmeister soll zwischen 2019 und 2021 durch fiktive Gewinne seine Bilanzen frisiert haben. »Prisma« nennt sich die Operation der Staatsanwaltschaft, die seit Mai 2021 ermittelt und bislang sechs Personen verdächtigt, darunter Klubchef Andrea Agnelli – Neffe des mythischen Patrons Gianni – und seinen Vize, den Ex-Klubstar Pavel Nedved, Goldener-Ball-Gewinner von 2003.
Beide sollen die Praktiken des ebenfalls beschuldigten Sportchefs Fabio Paratici, inzwischen Tottenham Hotspur, mindestens gebilligt haben.
Den Nachforschungen zufolge hat Juventus bei Transfers künstlich die Preise aufgeblasen. Ein prominentes Beispiel ist der Kauf von Arthur Melo für 72 Millionen Euro im Sommer 2020 vom FC Barcelona, an den dafür Miralem Pjanić für 60 Millionen Euro abgegeben wurde – irreale Tarife inmitten der Pandemie.
42 Transfers stehen unter Verdacht
Weil die Einnahme üblicherweise sofort im Geschäftsbericht verbucht, die Ausgabe aber über mehrere Jahre gestreckt wird, liest sich die Jahresbilanz gleich freundlicher. Wirklich Geld, so der Verdacht, ist jedoch nie geflossen; jedenfalls nicht in der angegebenen Summe.
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Insgesamt 42 Juve-Transfers stehen laut Medienberichten unter Verdacht. Sie sollen für bis zu 282 Millionen Euro künstlicher Gewinne stehen, mit denen die Bilanzen 2019, 2020 und 2021 geschönt und hohe Verluste des börsennotierten Klubs maskiert worden seien. Auch Unstimmigkeiten bei Gehaltszahlungen – in einem abgehörten Telefonat soll es dabei auch einen Bezug auf Ronaldo geben – und Beraterhonoraren werden untersucht. Juventus teilte mit, es kooperiere mit den Behörden und sei überzeugt, »im Einklang mit den Gesetzen und Normen« gehandelt zu haben.
Beim italienischen Verbraucherschutz Codacons sieht man das anders. Dessen Präsident Marco Donzelli sagte am Montag, die Vorwürfe seien »sehr ernst« und »werfen ein sinisteres Licht auf die letzten Fußballmeisterschaften«. Sollte Juventus sich einen Wettbewerbsvorteil erschlichen haben, dürfe es nicht bei Bestrafungen einzelner Personen bleiben. »Zum Schutz Tausender Fans werden wir bei der Kartellbehörde und Generalstaatsanwaltschaft eine Beschwerde einreichen, um den Abstieg von Juventus in die Serie B und die Aberkennung der letzten Titel … zu verlangen.«

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